Neukölln hieß bis 1912 Rixdorf, und schon dieser alte Name trägt eine ganze Migrationsgeschichte in sich. Böhmische Glaubensflüchtlinge, preußische Verwaltungsbeamte, jüdische Kaufmannsfamilien und später Hunderttausende aus aller Welt haben hier Spuren hinterlassen, die bis heute sichtbar sind, vom Böhmischen Dorf am Richardplatz bis zu den Hochhäusern der Gropiusstadt.
Wer aus Neukölln kommt, sagt das meistens mit einer Mischung aus Trotz und Stolz. Der Bezirk hat Schauspieler, Sänger, Schriftsteller, Politiker, Architekten und Fußballer hervorgebracht, und viele von ihnen haben ihre Herkunft zum Thema gemacht. Diese Liste versammelt Menschen, deren Leben fest mit Neukölln, Rixdorf, Britz, Buckow, Rudow und der Gropiusstadt verbunden ist.
1. Pavel Vejprachtický

- Lebensdaten: um 1705 bis 1777
- Funktion: erster Dorfrichter von Böhmisch-Rixdorf
- Neukölln-Bezug: kam 1737 mit den böhmischen Exulanten nach Rixdorf
- Spuren heute: Böhmisches Dorf und Bethlehemskirche am Kirchgasse-Areal
Als Friedrich Wilhelm I. 1737 böhmischen Glaubensflüchtlingen die Ansiedlung in Rixdorf gestattete, kamen 18 Familien aus dem ostböhmischen Rothwasser. Pavel Vejprachtický war einer von ihnen und wurde zum ersten Dorfrichter des neu entstandenen Böhmisch-Rixdorf gewählt, ein Amt, das er fast vier Jahrzehnte lang ausübte.1
Unter seiner Führung wuchs die kleine Gemeinde zusammen, die ihren eigenen Glauben, ihre Sprache und ihre Bräuche bewahren durfte. Das Böhmische Dorf rund um den Richardplatz ist bis heute erhalten und gilt als eines der stimmungsvollsten historischen Ensembles ganz Berlins.
2. Hermann Boddin

- Lebensdaten: 1844 bis 1907
- Funktion: Gemeindevorsteher und Oberbürgermeister von Rixdorf
- Neukölln-Bezug: führte Rixdorf von 1874 bis 1907 zur Großstadt
- Spuren heute: Boddinstraße, Boddinplatz und U-Bahnhof Boddinstraße
Hermann Boddin übernahm 1874 die Leitung der eben vereinigten Gemeinden Deutsch-Rixdorf und Böhmisch-Rixdorf, als der Ort rund 15.000 Einwohner zählte. Bis zu seinem Tod 1907 wuchs Rixdorf auf weit über 90.000 Menschen und erhielt 1899 die Stadtrechte, womit aus dem größten Dorf Preußens eine Großstadt wurde.2
Boddin trieb Schulbau, Verkehr und Versorgung voran und prägte das moderne Rixdorf wie kaum ein anderer. Die Umbenennung in Neukölln 1912 erlebte er nicht mehr, doch sein Name ist bis heute über Straße, Platz und U-Bahnhof im Bezirk präsent.
3. Inge Meysel

- Lebensdaten: 1910 bis 2004
- Funktion: Schauspielerin
- Neukölln-Bezug: 1910 in Rixdorf geboren
- Bekannt für: "Mutter der Nation" im deutschen Fernsehen
Inge Meysel kam 1910 in Rixdorf zur Welt, als der Ort noch nicht Neukölln hieß. Als Tochter eines jüdischen Kaufmanns erhielt sie während der NS-Zeit Berufsverbot und konnte erst nach 1945 an ihre Theaterkarriere anknüpfen.3
In den 1960er Jahren wurde sie durch Fernsehserien wie "Die Unverbesserlichen" zu einer der populärsten Schauspielerinnen Deutschlands und trug bald den Beinamen "Mutter der Nation". Ihren Berliner Tonfall und ihre direkte Art behielt sie zeitlebens.
4. Bruno Taut

- Lebensdaten: 1880 bis 1938
- Funktion: Architekt
- Neukölln-Bezug: plante die Hufeisensiedlung in Britz
- Spuren heute: UNESCO-Welterbe Hufeisensiedlung, seit 2008
Bruno Taut hat in Neukölln nie gewohnt, und doch wäre Britz ohne ihn ein anderer Ort. Zwischen 1925 und 1930 plante er gemeinsam mit dem Stadtbaurat Martin Wagner die Hufeisensiedlung, rund 2.000 Wohnungen rund um einen 350 Meter langen, hufeisenförmigen Bau.4
Mit kräftigen Farben, Licht und Grün setzte Taut dem Mietskasernenelend ein menschenfreundliches Wohnmodell entgegen. Die Siedlung gilt als Schlüsselwerk der Moderne und gehört seit 2008 zum UNESCO-Welterbe der Berliner Siedlungen.
5. Horst Buchholz

- Lebensdaten: 1933 bis 2003
- Funktion: Schauspieler
- Neukölln-Bezug: 1933 in Neukölln geboren, aufgewachsen als "Hotte"
- Bekannt für: "Die Halbstarken" und "Die glorreichen Sieben"
Horst Buchholz wurde 1933 in Neukölln geboren und wuchs hier als "Hotte" auf. Mit der Rolle in "Die Halbstarken" gelang ihm 1956 der Durchbruch, kurz darauf galt er als deutscher James Dean und wurde zum internationalen Star.5
In Hollywood spielte er an der Seite großer Namen, etwa in "Die glorreichen Sieben". Trotz Weltkarriere blieb der Neuköllner Junge präsent, der mit Witz und Tempo das deutsche Nachkriegskino aufmischte.
6. Horst Bosetzky (-ky)

- Lebensdaten: 1938 bis 2018
- Funktion: Schriftsteller und Soziologe
- Neukölln-Bezug: in den Nachkriegsjahren in Nord-Neukölln aufgewachsen
- Bekannt für: Soziokrimis unter dem Kürzel -ky
Horst Bosetzky wuchs in den kargen Nachkriegsjahren in Nord-Neukölln auf, was seine Bücher zeitlebens prägte. Unter dem Kürzel -ky wurde er zu einem der erfolgreichsten deutschen Krimiautoren und begründete den sozialkritischen Soziokrimi.6
Besonders seine Neukölln-Romane um die Figur Manfred Matuschewski, etwa "Brennholz für Kartoffelschalen", erzählen autobiografisch vom Aufwachsen im zerstörten Berlin. Nebenher lehrte er jahrzehntelang als Professor für Soziologie.
7. Frank Zander

- geboren 1942: in Neukölln
- Funktion: Sänger und Entertainer
- Neukölln-Bezug: 1942 in Neukölln geboren
- Bekannt für: "Hier kommt Kurt" und die Hertha-Hymne
Frank Zander kam 1942 in Neukölln zur Welt und begann seine Laufbahn als gelernter Grafiker, bevor er in den 1970er Jahren als Sänger durchstartete. Mit Parodien und Spaßliedern wie "Der Ur-Ur-Enkel von Frankenstein" und "Hier kommt Kurt" wurde er einem Millionenpublikum bekannt.7
Für Hertha BSC schrieb er die inoffizielle Hymne "Nur nach Hause", die bis heute vor jedem Heimspiel läuft. Seit 1995 lädt er außerdem jedes Jahr Tausende Obdachlose und Bedürftige zum Gänseessen ein.
8. Heinz Buschkowsky

- geboren 1948: in Berlin
- Funktion: Bezirksbürgermeister von Neukölln (2001 bis 2015)
- Neukölln-Bezug: aufgewachsen in Rudow und der Gropiusstadt
- Bekannt für: den Bestseller "Neukölln ist überall"
Heinz Buschkowsky wuchs in einer Ein-Zimmer-Kellerwohnung in Rudow auf und zog später in die Gropiusstadt, beides Neuköllner Ortsteile. Von 2001 bis 2015 war er Bezirksbürgermeister und wurde zum bundesweit bekanntesten Kommunalpolitiker Deutschlands.8
Mit seinem 2012 erschienenen Buch "Neukölln ist überall" löste er eine breite Integrationsdebatte aus. Sein Name ist bis heute eng mit dem Bild des Bezirks verbunden, ob man seine Thesen teilt oder nicht.
9. Christiane F.
- geboren 1962: in Hamburg
- Funktion: Autorin und Zeitzeugin
- Neukölln-Bezug: zog als Kind in die Gropiusstadt
- Bekannt für: "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo"
Christiane Felscherinow, bekannt als Christiane F., zog als Elfjährige mit ihrer Familie in die Hochhäuser der Gropiusstadt. Dort begann der Weg, den sie später als Drogenkarriere im Buch "Wir Kinder vom Bahnhof Zoo" schilderte.9
Das 1978 erschienene Buch wurde zum meistverkauften Titel der Bundesrepublik seiner Zeit und in viele Sprachen übersetzt. Die Verfilmung von 1981 machte die Gropiusstadt zum Sinnbild der sozialen Probleme der Großwohnsiedlungen.
10. Franziska Giffey

- geboren 1978: in Frankfurt (Oder)
- Funktion: Politikerin, frühere Regierende Bürgermeisterin
- Neukölln-Bezug: Bezirksbürgermeisterin von Neukölln (2015 bis 2018)
- Heute: Bezirksbürgermeisterin von Neukölln seit 2025
Franziska Giffey wurde in Frankfurt (Oder) geboren, doch ihre politische Heimat ist Neukölln. Sie arbeitete ab 2002 in der Bezirksverwaltung, wurde Stadträtin und folgte 2015 Heinz Buschkowsky als Bürgermeisterin des Bezirks nach.10
Später war sie Bundesfamilienministerin und von 2021 bis 2023 Regierende Bürgermeisterin von Berlin. Nach diesen Stationen kehrte sie nach Neukölln zurück und übernahm dort erneut das Amt der Bezirksbürgermeisterin.
11. Kurt Krömer

- geboren 1974: als Alexander Bojcan in Neukölln
- Funktion: Comedian und Moderator
- Neukölln-Bezug: in Neukölln geboren und aufgewachsen
- Bekannt für: die Interviewshow "Chez Krömer"
Kurt Krömer, bürgerlich Alexander Bojcan, wurde 1974 in Neukölln geboren und wuchs hier und in Reinickendorf auf. Den Künstlernamen lieh er sich von einem früheren Lehrer, die Berliner Schnauze brachte er aus dem Bezirk mit.11
Nach Jahren auf Kleinkunstbühnen wurde er einer der eigenwilligsten Komiker des deutschen Fernsehens. Mit der Interviewshow "Chez Krömer" gelang ihm ein Format, das Komik und Ernst auf ungewöhnliche Weise verband.
12. Antonio Rüdiger

- geboren 1993: in Neukölln
- Funktion: Fußballprofi und Nationalspieler
- Neukölln-Bezug: in Neukölln geboren und aufgewachsen
- Karrierebeginn: mit sieben Jahren beim VfB Sperber Neukölln
Antonio Rüdiger wuchs in Neukölln auf und schnürte mit sieben Jahren erstmals die Schuhe für den VfB Sperber Neukölln. Über mehrere Berliner Vereine fand er den Weg in den Profifußball und debütierte 2012 für den VfB Stuttgart.12
Stationen beim AS Rom und beim FC Chelsea folgten, mit dem er 2021 die Champions League gewann. Seit 2022 spielt der deutsche Nationalspieler bei Real Madrid, einer der prominentesten Exportartikel, die Neukölln je hervorgebracht hat.
13. Juju

- geboren 1992: in Berlin
- Funktion: Rapperin
- Neukölln-Bezug: aufgewachsen in Neukölln
- Bekannt für: das Duo SXTN und den Nummer-eins-Hit "Melodien"
Juju, mit bürgerlichem Namen Judith Wessendorf, wuchs bei ihrer Mutter in Neukölln auf und begann mit vierzehn Jahren zu rappen. Bekannt wurde sie zunächst als Hälfte des Duos SXTN, das mit derbem Humor und harten Beats die deutsche Rapszene aufmischte.13
Solo gelang ihr 2018 mit "Melodien" ein Nummer-eins-Hit in gleich drei Ländern. In ihren Texten tauchen immer wieder Neuköllner Orte wie die Sonnenallee und der Hermannplatz auf.
14. Felix Lobrecht

- geboren 1988: in Mettingen
- Funktion: Comedian, Autor und Podcaster
- Neukölln-Bezug: aufgewachsen in der Gropiusstadt
- Bekannt für: "Sonne und Beton" und den Podcast "Gemischtes Hack"
Felix Lobrecht wurde zwar nicht in Berlin geboren, wuchs aber in der Gropiusstadt auf und nennt sich selbst einen Proleten aus Neukölln. Seine Herkunft ist der Kern seiner Kunst, in der Stand-up-Comedy ebenso wie im Buch.14
Mit dem Roman "Sonne und Beton", später erfolgreich verfilmt, setzte er dem Aufwachsen in der Großwohnsiedlung ein Denkmal. Sein Podcast "Gemischtes Hack" gehört zu den meistgehörten im deutschsprachigen Raum.
15. Behzad Karim Khani

- geboren 1977: in Teheran
- Funktion: Schriftsteller und Journalist
- Neukölln-Bezug: lebt und arbeitet in Neukölln
- Bekannt für: den Debütroman "Hund, Wolf, Schakal"
Behzad Karim Khani floh als Kind mit seiner Familie aus dem Iran und lebt heute in Neukölln, wo er lange auch eine Bar betrieb. Sein Bezirk ist Schauplatz und Stoff seiner Literatur zugleich.15
Mit dem Debütroman "Hund, Wolf, Schakal" über zwei Brüder, die im Neukölln der Straße aufwachsen, landete er einen Bestseller und gewann mehrere Debütpreise. Khani verbindet die Härte der Straße mit der Melancholie iranischer Prosa.
Ausblick
Was diese Lebensläufe verbindet, ist selten der gerade Weg. Neukölln war fast immer ein Ort des Ankommens und des Aufbruchs, ein Bezirk, an dem man sich rieb und an dem man wuchs. Genau deshalb taucht er in so vielen Büchern, Filmen und Liedern auf, von Bosetzkys Nachkriegserzählungen bis zu Lobrechts Gropiusstadt.
Die Spuren bleiben im Straßenbild: ein Platz, eine Schule, eine Siedlung, ein Rathaus, ein Stadion. Wer mit offenen Augen durch Neukölln geht, läuft an den Biografien dieser Menschen entlang, ob er es weiß oder nicht. Und die nächste Generation am Hermannplatz und an der Sonnenallee schreibt längst die Fortsetzung.