Neukölln war über ein Jahrhundert lang ein dicht gepackter Arbeiter- und Industriebezirk. Aus dem böhmischen Weberdorf Rixdorf wurde eine Großstadt mit Brauereien, Hafenanlagen am Teltowkanal, Eisenbahnen für die Fabriken und gewaltigen Kliniken am Stadtrand. Diese Dichte an Funktionen hat eine Dichte an Resten hinterlassen, von stillgelegten Gütergleisen bis zu leeren Krankenhausfluren.
Dazu kommt die Teilung der Stadt, die mitten durch Neukölln verlief und an der Lohmühlenbrücke und der Köllnischen Heide bis heute Spuren im Boden zeigt. Wir gehen durch zwölf dieser verlorenen Orte, ohne zum Betreten gesperrter Areale aufzurufen. Vieles davon lässt sich ohnehin nur noch von Wegen, Brücken und Straßen aus erahnen.
Wichtiger Hinweis: Viele der genannten Orte sind Privatgelände, militärische Liegenschaften, Bahnbetriebsflächen oder gesicherte Industriegrundstücke. Das Betreten ist verboten und gefährlich. Dieser Text ist ein historischer Rundgang aus sicherer Entfernung, keine Anleitung zum Urban Exploring.
- 1. Ehemalige Frauen- und Kinderklinik am Mariendorfer Weg
- 2. Blub, das Berliner Luft- und Badeparadies
- 3. Gärkeller und Vollgut-Areal der Kindl-Brauerei am Rollberg
- 4. Industriebahn Neukölln entlang der Lahnstraße
- 5. Überwucherte Gleise der Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn
- 6. Mauerstreifen an der Lohmühlenbrücke
- 7. Mauerreste am S-Bahnhof Köllnische Heide
- 8. Verlassene Bahntrasse durch die Köllnische Heide
- 9. Hafen Neukölln am Teltowkanal
- 10. Esso-Brache an der Sonnenallee
- 11. Zwangsarbeiterlager an der Sonnenallee
- 12. Reste der Ringbahn-Südkurve Richtung Treptow
- Ausblick: Was bleibt, was verschwindet
- Quellen
1. Ehemalige Frauen- und Kinderklinik am Mariendorfer Weg

- Lage: Mariendorfer Weg 28 bis 38, Neukölln
- Erbaut: 1914 bis 1917, Architekt Theodor Goecke
- Leer: ab 2005, zehn Gebäude jahrelang ungenutzt
- Heute: saniert und zum Wohnpark St. Marien umgebaut
Die Anlage entstand als Brandenburgische Hebammenlehranstalt und wurde zu einer der größten Frauenkliniken Deutschlands. In der NS-Zeit war das Haus auch Schauplatz von Zwangssterilisationen, der Gründungsdirektor Sigfrid Hammerschlag musste 1934 als Jude fliehen.1
Nach dem Ende des Klinikbetriebs 2005 standen die denkmalgeschützten Backsteinbauten über ein Jahrzehnt leer und verfielen. Ab 2014 wurden sie saniert und um Neubauten ergänzt, heute prägt der Wohnpark das Areal.
2. Blub, das Berliner Luft- und Badeparadies

- Lage: Buschkrugallee 64, Britz
- In Betrieb: 1985 bis 2005
- Status: 2021 vollständig abgerissen
- Heute: Brachfläche, Wohnungsbau geplant
Das Blub lockte in den 1980er Jahren mit Rutschen, Wellenbad und Saunalandschaft jährlich über eine halbe Million Besucher nach Britz. Nach Hygienemängeln und Rattenbefall wurde der Betrieb 2002 gestoppt, 2005 folgte das endgültige Aus nach der Insolvenz des Betreibers.2
Über Jahre verfiel die Ruine, mehrere Brände zerstörten das Dach und machten das Gelände zu einem bekannten und gefährlichen Lost Place. Im Frühjahr 2021 wurden die Reste abgetragen, auf dem Areal soll ein neues Wohnquartier entstehen.
3. Gärkeller und Vollgut-Areal der Kindl-Brauerei am Rollberg

- Lage: Am Sudhaus und Werbellinstraße, Rollberg
- In Betrieb: Brauerei bis 2005, 133 Jahre nach Gründung
- Heute: Sudhaus als Kunstzentrum, Vollgut teils brach
- Highlight: tiefe historische Gärkeller unter dem Areal
Am Rollberg braute die Berliner Kindl-Brauerei über 130 Jahre lang, bevor die Produktion 2005 endete. Zurück blieb ein riesiges Areal mit dem expressionistischen Sudhaus, dem Kesselhaus und weit verzweigten unterirdischen Gärkellern.3
Während das Sudhaus seit 2016 als Zentrum für zeitgenössische Kunst dient, lagen Teile des angrenzenden Vollgut-Areals lange brach und wurden erst nach und nach wiederbelebt. Die alten Keller geben dem Ort bis heute eine eigene, kühle Stimmung.
4. Industriebahn Neukölln entlang der Lahnstraße

- Lage: Lahnstraße und Grenzallee bis Hafen Neukölln
- In Betrieb: 1914 bis Ende der 1980er Jahre
- Status: Übergabe an die IGB 1988, Verkehr fast erloschen
- Heute: überwucherte Gleise, Radschnellweg im Gespräch
Die Industriebahn Neukölln erschloss ab 1914 die Fabriken rund um Sonnenallee, Lahnstraße und Grenzallee und band sie an den Hafen Neukölln am Teltowkanal an. In den besten Zeiten rollten hier täglich Güterwagen zwischen den Werken.4
Bis Ende der 1980er Jahre war der Verkehr auf wenige Wagen pro Jahr geschrumpft, 1988 ging das Netz an die Industriebahn-Gesellschaft Berlin über. Heute verlaufen Reste der Gleise verwachsen durch Hinterhöfe, an der Trasse wird über einen Radschnellweg diskutiert.
5. Überwucherte Gleise der Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn

- Lage: von Hermannstraße Richtung Süden über Britz und Rudow
- In Betrieb: ab 1900, Personenverkehr in Berlin bis 1955
- Status: Kohleverkehr 2003 weggefallen, weitgehend stillgelegt
- Zugang: Trasse abschnittsweise als Grünzug erkennbar
Die Neukölln-Mittenwalder Eisenbahn nahm 1900 als Rixdorf-Mittenwalder Eisenbahn den Betrieb auf und verband den Bahnhof Hermannstraße mit dem brandenburgischen Umland. Über Jahrzehnte transportierte sie Güter, Kohle und zeitweise auch Fahrgäste.5
Mit dem Ende des Kraftwerks Rudow 2003 fiel der wichtige Kohleverkehr weg, und der eigene Betrieb der Gesellschaft endete. Auf langen Abschnitten liegen die Gleise heute überwuchert in Vogelschutz- und Grünflächen.
6. Mauerstreifen an der Lohmühlenbrücke

- Lage: Lohmühlenbrücke am Neuköllner Schifffahrtskanal
- Status: Grenze 1961 bis 1989, Brücke gesperrt
- Heute: Bodentafeln markieren den ehemaligen Verlauf
- Zugang: frei begehbar von Maybachufer und Lohmühlenstraße
Vor dem Mauerbau war die Lohmühlenbrücke eine viel genutzte Verbindung über den Neuköllner Schifffahrtskanal. Ab dem 13. August 1961 verlief hier die Grenze, die wichtige Strecke Richtung Harzer Straße war unterbrochen.6
Heute erinnern Bodentafeln und eine Markierung im Pflaster an den früheren Grenzverlauf. Wer am Wasser entlanggeht, erkennt noch, wie tief der Schnitt durch dieses dicht bebaute Viertel ging.
7. Mauerreste am S-Bahnhof Köllnische Heide

- Lage: S-Bahnhof Köllnische Heide, Neukölln-Süd
- Status: Grenzlage und Mauer von 1961 bis 1989
- Heute: Bahnhof in Betrieb, Umfeld teils verwildert
- Tipp: Reduzierter Jugendstilbau von 1920 als Blickfang
Der Bahnhof Köllnische Heide wurde 1920 in reduziertem Jugendstil eröffnet und lag nach 1961 dicht an der Grenze zwischen Neukölln und dem Ostberliner Treptow. Die Gleisanlagen und der Mauerverlauf prägten das Gelände jahrzehntelang.7
Historische Aufnahmen zeigen die Mauer unmittelbar an den Bahnanlagen. Heute ist der Bahnhof wieder in Betrieb, doch Teile des Umfelds wirken zwischen Wald und Brache nach wie vor abgelegen.
8. Verlassene Bahntrasse durch die Köllnische Heide

- Lage: Köllnische Heide zwischen Neukölln und Baumschulenweg
- In Betrieb: Görlitzer Bahn ab dem 19. Jahrhundert
- Status: nach 1961 nur Güterverkehr, teils zurückgebaut
- Zugang: Grünzug am Heidekampgraben begehbar
Die Görlitzer Bahn schnitt einst quer durch die Köllnische Heide und trieb deren Bebauung voran. Nach dem Mauerbau lief über die Strecke nur noch Güterverkehr, viele Gleise wurden bis in die 1980er Jahre zurückgebaut.8
Am Heidekampgraben lässt sich der alte Bahndamm mit seinen Brückenbauwerken heute als verwilderter Grünzug erleben. Zwischen Schilf und Gehölz erinnert wenig daran, dass hier einmal Züge fuhren.
9. Hafen Neukölln am Teltowkanal

- Lage: Oberhafen am Teltowkanal, Grenzallee
- In Betrieb: ab den 1900er Jahren als Industriehafen
- Heute: stark zurückgegangener Umschlag, ruhige Becken
- Highlight: alte Kaianlagen und Industriebauten am Wasser
Der Hafen Neukölln am Teltowkanal war ein Knotenpunkt für die Industrie des Bezirks, mit Ober- und Unterhafen, Kaianlagen und Gleisanschluss über die Industriebahn. Kohle, Baustoffe und Fabrikgüter wurden hier umgeschlagen.9
Mit dem Niedergang der Neuköllner Industrie ist der Umschlag stark zurückgegangen, viele Flächen wirken heute still. Entlang des Kanals zeugen verblassende Industriebauten und alte Becken von der einstigen Betriebsamkeit.
10. Esso-Brache an der Sonnenallee

- Lage: Sonnenallee, nördliches Neukölln
- Status: Tankstelle 2018 stillgelegt
- Heute: eingezäunte Brachfläche mitten im Kiez
- Zugang: nur von außen einsehbar, abgesperrt
Mitten an der belebten Sonnenallee liegt seit 2018 eine ehemalige Esso-Tankstelle brach. Wo früher getankt wurde, breiten sich heute Zaun, Unkraut und leere Flächen aus.10
Eine Baugenehmigung für ein Wohnhaus mit Mikroapartments liegt vor, doch der Abriss zog sich lange hin. So bleibt die Brache vorerst eine ungewohnte Lücke im dichten Stadtbild.
11. Zwangsarbeiterlager an der Sonnenallee

- Lage: Bereich Thiemannstraße bis Weserstraße, Sonnenallee
- In Betrieb: Außenlager des KZ Sachsenhausen 1944 bis 1945
- Heute: kaum bauliche Spuren, Gedenkarbeit vor Ort
- Tipp: historische Rundgänge erinnern an den Ort
Zwischen Thiemannstraße und Weserstraße bestand von September 1944 bis April 1945 ein Außenlager des Konzentrationslagers Sachsenhausen. Häftlinge mussten hier für die Kriegswirtschaft arbeiten, mitten im Wohngebiet von Neukölln.11
Sichtbare bauliche Reste sind kaum geblieben, der Ort lebt vor allem in der Erinnerung fort. Historische Rundgänge an der Sonnenallee machen die Spuren der Zwangsarbeit im Bezirk wieder greifbar.
12. Reste der Ringbahn-Südkurve Richtung Treptow

- Lage: zwischen Neukölln, Sonnenallee und Treptower Park
- In Betrieb: elektrische Ringbahngleise ab 1928
- Status: nach dem Mauerbau 1961 unterbrochen
- Heute: Gleisanlagen bis 1981 weitgehend zurückgebaut
1928 gingen die elektrifizierten Ringbahngleise von Neukölln nach Treptow sowie die Südringkurve Richtung Warschauer Straße in Betrieb. Sie verknüpften den Bezirk eng mit dem Berliner Schnellbahnnetz.12
Der Mauerbau 1961 trennte die Verbindung nach West-Berlin, die ungenutzten Gleise wurden bis 1981 bei der Erneuerung der Brücken weitgehend zurückgebaut. Im Bereich der Görlitzer und Ringbahn lassen sich die brachgefallenen Trassen bis heute erahnen.
Ausblick: Was bleibt, was verschwindet
Viele dieser Orte in Neukölln sind im Wandel. Einige werden saniert und umgenutzt, andere überbaut, wieder andere holt sich die Natur zurück. Der Reiz des Verfalls ist meist nur eine Phase, bevor ein Ort entweder verschwindet oder ein zweites Leben beginnt.
Wer diese Spuren lesen will, hat dafür oft nur ein begrenztes Zeitfenster. Was bleibt, sind die Schichten der Geschichte unter den neuen Quartieren, eingelagert in Straßennamen, Bahndämmen, Mauerresten und einzelnen Gebäuden, die man weiterhin entziffern kann.