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Lokales

Queerfeindlicher Schriftzug in Neukölln: Angriff auf das Kiezgefühl

In der Pflügerstraße wurde ein Restaurant mit queerfeindlicher Schmiererei markiert — Staatsschutz ermittelt.

Von Jens Rethfeld | 11. Dezember 2025
Queerfeindlicher Schriftzug in Neukölln: Angriff auf das Kiezgefühl © Yasemin Korkmaz

In der Pflügerstraße hat es erneut geknallt – nicht akustisch, sondern mit schwarzer Farbe an der Fassade eines Restaurants.1 Unbekannte haben in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch einen deutlich queerfeindlichen Schriftzug hinterlassen und damit nicht nur eine Wand, sondern auch das Sicherheitsgefühl vieler Nachbar*innen angegriffen. Gerade in solchen Momenten zählt die Solidarität im Kiez, wie sie auch Frank Zander Jahr für Jahr im Estrel sichtbar macht.

Die Sachbeschädigung wurde erst am Mittwochnachmittag über die Internetwache angezeigt, jetzt ermittelt der polizeiliche Staatsschutz wegen politisch motivierter Hasskriminalität. Für einen Kiez, der sich gern als bunt und offen versteht, ist das mehr als nur eine Schmiererei – es ist ein Angriff auf das Selbstbild von Neukölln.

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Queerfeindlicher Schriftzug an Restaurantfassade

Der Vorfall ereignete sich in der Nacht von Dienstag auf Mittwoch an der Fassade eines Restaurants in der Pflügerstraße in Neukölln. Bislang unbekannte Täter*innen sprühten einen queerfeindlichen Schriftzug mit schwarzer Farbe an die Hauswand, die Betreiber entdeckten die Schmiererei später und meldeten den Schaden online der Polizei.

Die Polizei ordnet die Tat als queerfeindlich und damit als politisch motivierte Hasskriminalität ein. Aufgrund der Einordnung hat ein Fachkommissariat des Polizeilichen Staatsschutzes beim Landeskriminalamt die Ermittlungen übernommen – ein Schritt, der bei mutmaßlich queerfeindlichen Taten inzwischen Standard ist.

Ein Kiez, der bunter ist, als es die Täter gern hätten

Die Pflügerstraße liegt im Reuterkiez, einem Gebiet, das viele als Herz eines vielfältigen, queeren Neukölln sehen.23 Zwischen Spätis, Eckkneipen und neuen Bars haben sich in den vergangenen Jahren queere Cafés und Restaurants angesiedelt, die mit Regenbogenfahnen und „Queer & Friends“-Schriftzügen bewusst für Offenheit stehen.

Genau diese Sichtbarkeit macht solche Orte aber auch angreifbar. Das queere Café-Restaurant „Das Hoven“ in der Pflügerstraße etwa wurde in den vergangenen Jahren immer wieder zum Ziel von Schmierereien, Nazi-Parolen, Beleidigungen und Angriffen – von zugeklebten Türschlössern bis hin zu körperlicher Gewalt gegen Mitarbeitende.4

Serie von Angriffen: Kein Einzelfall, sondern Muster

Queerfeindliche Schmierereien in Neukölln sind kein neues Phänomen, sondern Teil einer Reihe von Vorfällen, die queere Menschen und Orte explizit ins Visier nehmen. Polizei und Beratungsstellen verweisen seit Längerem darauf, dass queerfeindliche Übergriffe in Berlin häufig angezeigt und daher auch sichtbar werden – ein Zeichen dafür, dass Betroffene sich nicht mehr alles gefallen lassen wollen.

Beim „Hoven“ berichten Betreiber und Mitarbeitende, sie seien als „Schwuchteln“ beschimpft, bespuckt und teils zusammengeschlagen worden, während parallel immer wieder die Fassade mit Beleidigungen oder rechtsextremen Symbolen beschmiert wurde. „Ich habe manchmal das Gefühl, ich hätte in den 90ern eine Gaybar in der Eifel eröffnet und nicht ein queerfreundliches Café 2023 in Neukölln“, sagt Betreiber Danjel Zarte in einem Interview und beschreibt damit ein Klima der permanenten Bedrohung.

Zwischen Alltag und Angst: Was das für Nachbar*innen bedeutet

Für viele Nachbar*innen ist das nicht irgendein Restaurant, sondern ein Wohnzimmer-Ersatz im Kiez – ein Ort, an dem man sich auf einen Kaffee trifft, mit Kindern brunchen geht oder abends noch ein Bier trinkt.5 Wenn so ein Laden angegriffen wird, trifft es damit einen Treffpunkt, an dem sich ganz unterschiedliche Menschen begegnen: Senior*innen, junge Familien, queere Personen, politisch Engagierte und Leute, die einfach nur in Ruhe ihr Essen wollen.

Eine Nachbarin beschreibt die Stimmung nach früheren Angriffen so: „Es fühlt sich einfach demütigend an, wenn man Eierreste vom Fenster wegputzen muss. Ich hätte wirklich nicht erwartet, dass das Alltag ist in einem Berliner Café.“ Viele im Kiez reagieren auf die wiederkehrenden Attacken mit Solidarität – etwa, indem sie Regenbogenfahnen aus den Fenstern hängen oder bewusst bei betroffenen Läden einkaufen und essen gehen.

Staatsschutz ermittelt – und der Kiez rückt zusammen

Mit der Übernahme durch den Staatsschutz rutscht der aktuelle Vorfall aus der Kategorie „Schmiererei“ in den Bereich der politisch motivierten Hasskriminalität. Dahinter steht die klare Botschaft: Wer queere Orte angreift, greift nicht nur Einzelne an, sondern eine ganze Gruppe – und damit auch Grundrechte wie sexuelle Selbstbestimmung und offene Lebensweisen.

Die Berliner Polizei und Staatsanwaltschaft haben inzwischen eigene Ansprechpartner*innen für queere Menschen eingerichtet, um Betroffenen den Weg zur Anzeige zu erleichtern. Gleichzeitig fordern Ladenbetreiber wie Zarte mehr konkrete Unterstützung, etwa schnellere Reaktionen bei Vandalismus, Präventionsarbeit und sichtbare Präsenz, damit queere Orte nicht aus Angst dichtmachen müssen.

Für Neukölln stellt sich damit die Frage, wie bunt der Bezirk wirklich ist, wenn queere Läden zwar offiziell gefeiert, aber real immer wieder angegriffen werden. Solange einzelne Täter*innen glauben, mit Spraydose oder Faust bestimmen zu können, wer im Kiez willkommen ist, wird jede Regenbogenfahne und jede queere Bar zur stillen Abstimmung: Lassen wir uns vertreiben – oder bleiben wir genau hier?

Im Moment spricht vieles dafür, dass der Kiez bleibt. Betreiber*innen zeigen sich entschlossen, weiterzumachen, und Nachbar*innen lassen sich ihre Lieblingsorte nicht nehmen. Dass die queerfeindliche Schmiererei in der Pflügerstraße nicht als Randnotiz verschwindet, sondern als Hasskriminalität ernst genommen wird, ist dabei ein wichtiges Signal – nicht nur für queere Menschen, sondern für alle, die in Neukölln zuhause sind.

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Jens Rethfeld
Jens Rethfeld
Freier Journalist

Freiberuflicher Journalist, Neuköllner seit der Jahrtausendwende – also noch vor dem großen Hype. Schreibt mit Leidenschaft über seinen Bezirk, ohne die Gentrifizierungsdebatte zu scheuen.

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