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Neukölln Geschichte: Vom verschollenen Dorf zum freien Feld

Von Jens Rethfeld | 16. Juni 2026
Neukölln Geschichte: Vom verschollenen Dorf zum freien Feld © Unbekannter Fotograf (um 1910), gemeinfrei / Wikimedia Commons
Die belebte Berliner Straße, die spätere Karl-Marx-Straße, in Rixdorf um 1910, kurz bevor die Stadt 1912 in Neukölln umbenannt wurde.

Wer am Richardplatz in Rixdorf steht, ahnt nicht sofort, dass er im ältesten Kern eines Bezirks mit fast 320.000 Einwohnern steht. Das alte Schmiedehaus, das Kopfsteinpflaster und die böhmischen Häuschen wirken eher wie ein Dorf in der Mark als wie das pulsierende Neukölln der Spätis und Galerien. Genau das ist es auch einmal gewesen.

Neukölln ist der Bezirk, der seinen Namen einer PR-Maßnahme verdankt und dessen Geschichte zwischen Bauerndorf, Sündenpfuhl, Arbeiterhochburg und Sehnsuchtsort hin- und herschwankt. Diese Chronik führt von der Gründungsurkunde des Jahres 1360 bis zum Tempelhofer Feld, das die Neuköllner per Volksentscheid freigehalten haben.

Was dich erwartet

1360: Die Gründung des Dorfes Richardsdorp

Die Geschichte Neuköllns beginnt mit einer Urkunde, die heute verschollen ist. Am 26. Juni 1360 wandelte der Johanniterorden einen bestehenden Hof südlich von Berlin und Cölln in ein richtiges Dorf um. Der Komtur der Komturei Tempelhof, Dietrich von Zastrow, trennte das Gut zwischen Tempelhof und Treptow ab und ließ es als Dorf "Richardsdorp" mit 25 Hufen eintragen.1

Diese in mittelniederdeutscher Sprache verfasste Urkunde war besonders. Sie gilt als die einzige erhaltene Dorfgründungsurkunde der gesamten Mark Brandenburg und enthielt zugleich die erste schriftliche Erwähnung des Ortes überhaupt. Bewohnt war das junge Dorf damals von rund 14 Familien mit etwa 50 Menschen.2

Eine Urkunde, die der Krieg verschluckte

Die Gründungsurkunde von 1360 ist seit 1945 verschollen. Was als einzige Dorfgründungsurkunde der Mark Brandenburg überliefert war, ging in den letzten Kriegsmonaten verloren. Bekannt ist ihr Inhalt heute nur noch aus älteren Abschriften und Beschreibungen.

Spätmittelalter und frühe Neuzeit: Ein Dorf der Doppelstadt

Lange blieb Richardsdorp ein unscheinbares Ackerdorf an der alten Straße von Cölln nach Köpenick. 1435 verkauften die Johanniter den Ort zusammen mit Tempelhof, Mariendorf und Marienfelde an die Städte Berlin und Cölln, 1543 wurde er alleiniges Eigentum Cöllns.3

Über Jahrhunderte änderte sich wenig. Aus Richardsdorp wurde umgangssprachlich Rixdorf, ein Name, der sich um 1797 offiziell durchsetzte. Es war ein Dorf der Bauern und Büdner, geprägt von der Landwirtschaft und der Nähe zur wachsenden Doppelstadt vor seinen Toren.4

1737: Das Böhmische Dorf und die Glaubensflüchtlinge

Der prägendste Einschnitt der frühen Neuzeit kam von außen. Nach der Schlacht am Weißen Berg 1620 setzte in Böhmen eine harte Rekatholisierung ein. Protestanten, die ihrem Glauben treu blieben, wurden verfolgt und verließen über die Jahrzehnte ihre Heimat. 1737 gewährte der preußische König Friedrich Wilhelm I. mehr als 350 dieser böhmischen Glaubensflüchtlinge Asyl in Rixdorf.5

Der Soldatenkönig ließ für die Neuankömmlinge Doppelhäuser errichten und sicherte ihnen weitreichende Privilegien zu: eine eigene Gerichtsbarkeit, ein eigenes Dorfschulzenamt, Befreiung vom Militärdienst und Steuerfreiheit. So entstand neben dem alten Deutsch-Rixdorf ein zweiter Ortskern, Böhmisch-Rixdorf, mit eigener Sprache und Brüdergemeine.6

Beide Dörfer wuchsen über ein Jahrhundert getrennt nebeneinander her. Erst am 1. Januar 1874 wurden Deutsch-Rixdorf und Böhmisch-Rixdorf zur gemeinsamen Landgemeinde Rixdorf vereinigt. Das bauliche Ensemble des Böhmischen Dorfes rund um den Richardplatz steht heute komplett unter Denkmalschutz und prägt noch immer das Bild der heutigen Neuköllner Ortsteile.7

1899: Vom größten Dorf Preußens zur Industriestadt

Mit der Industrialisierung explodierte Rixdorf. Mietskasernen schossen aus dem Boden, Fabriken siedelten sich an, und aus dem Bauerndorf wurde eine Arbeiterstadt. Zwischen 1871 und 1919 stieg die Einwohnerzahl von rund 8.000 auf annähernd 280.000.8

Am 1. Mai 1899 erhielt Rixdorf, bis dahin mit etwa 80.000 Einwohnern das größte Dorf Preußens, das Stadtrecht und schied aus dem Kreis Teltow aus. Die einstige Berliner Straße, später Karl-Marx-Straße, wurde zur Prachtmeile mit Kaufhäusern, Rathaus, Amtsgericht und dem 1908 erbauten Gemeindehaus mit Passage-Lichtspielen.9

Schneller gewachsen als fast jede Stadt

In nur 25 Jahren vervielfachte sich die Einwohnerzahl: 1875 zählte Rixdorf gut 15.000 Menschen, 1895 fast 60.000 und 1899 schon über 80.000. Wenige Orte im Deutschen Reich wuchsen in dieser Geschwindigkeit.

1912: Wie aus Rixdorf Neukölln wurde

Der rasante Aufstieg hatte einen Makel. Rixdorf war den Berlinern zum Inbegriff frivoler Vergnügungen geworden, ein Ruf, der von Tanzlokalen, Bordellen und dem Gassenhauer "In Rixdorf ist Musike" befeuert wurde. Der Stadt war dieser Ruf peinlich.10

Die Lösung war eine Umbenennung, die man heute eine PR-Maßnahme nennen würde. Mit Zustimmung von Kaiser Wilhelm II. erhielt Rixdorf an dessen 53. Geburtstag, dem 27. Januar 1912, einen neuen Namen: Neukölln, in Anlehnung an die mittelalterliche Schwesterstadt Cölln an der Spree. Der anrüchige Klang sollte mit dem alten Namen verschwinden.11

1920: Neukölln wird Berliner Bezirk

Acht Jahre nach der Umbenennung verlor die junge Stadt ihre Selbstständigkeit wieder. Am 1. Oktober 1920 trat das Groß-Berlin-Gesetz in Kraft, und Neukölln ging als einer der zwanzig neuen Verwaltungsbezirke in der Hauptstadt auf. Mit den eingemeindeten Landgemeinden Britz, Buckow und Rudow umfasste der neue Bezirk rund 253.000 Einwohner.12

Aus der dicht bebauten Industriestadt im Norden und den dörflichen Fluren im Süden entstand so ein Bezirk der großen Gegensätze. Diese Doppelnatur aus enger Mietskasernenstadt und weitem Grün prägt Neukölln bis heute und schlägt sich auch in den heutigen Lebenshaltungskosten der einzelnen Kieze nieder.

Ab 1925: Die Hufeisensiedlung und das Neue Bauen

In der Weimarer Republik wurde Neukölln zu einem Labor des modernen Wohnungsbaus. Auf den ehemaligen Gutsflächen von Britz entstand zwischen 1925 und 1930 die Hufeisensiedlung nach Entwürfen des Architekten Bruno Taut, des Stadtbaurats Martin Wagner und des Gartenarchitekten Leberecht Migge.13

Die farbig gestaltete Siedlung gruppiert sich um einen rund 350 Meter langen, hufeisenförmig gebogenen Baukörper. Ihre über 1.000 Wohnungen folgen nur wenigen Grundrisstypen, und jedem Reihenhaus ist ein eigener Mietergarten zugeordnet. Sie war eine bauliche Antwort auf die Wohnungsnot der Mietskasernenstadt, getragen vom Leitbild "Licht, Luft und Sonne für alle".14

Licht, Luft und Sonne für alle.
Leitbild des Neuen Bauens in der Hufeisensiedlung Britz

2008 wurde die Hufeisensiedlung gemeinsam mit fünf weiteren Berliner Anlagen als "Siedlungen der Berliner Moderne" in die Liste des UNESCO-Welterbes aufgenommen. Sie ist damit bis heute das international bekannteste Baudenkmal des Bezirks und ein Anziehungspunkt, der auch den heutigen Wohnungsmarkt rund um Britz prägt.15

NS-Zeit, Verfolgung und Krieg

Gleichschaltung und Verfolgung

Neukölln galt als rote Arbeiterhochburg, in der SPD und KPD vor 1933 stark verankert waren. Nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten trat die Bezirksverwaltung 1933 unter Druck zurück, und der Widerstand in den Arbeitervierteln wurde verfolgt. Zugleich gab es in diesen Kiezen über die gesamte NS-Zeit Netzwerke, die Verfolgte unterstützten und teils unter Lebensgefahr Widerstand leisteten.16

Von der jüdischen Bevölkerung Neuköllns, die vor 1933 etwa 3.000 Menschen zählte, überlebten rund 500 die Verfolgung nicht. Sie wurden ausgegrenzt, enteignet und in Vernichtungslager wie Auschwitz deportiert. An die ehemalige Synagoge in der Isarstraße, ihren Rabbiner und die Opfer erinnern heute Gedenktafeln und zahlreiche Stolpersteine im Bezirk.17

Zerstörung 1945

Wie ganz Berlin wurde auch Neukölln im Zweiten Weltkrieg durch Luftangriffe und die Schlacht um Berlin schwer getroffen. Im Frühjahr 1945 besetzte die Rote Armee den Bezirk, bevor er wenig später in den amerikanischen Sektor überging.18

US-Sektor und Gropiusstadt: Neukölln im geteilten Berlin

Nach Kriegsende gehörte Neukölln zum amerikanischen Sektor und damit zu West-Berlin. Die Bezirksgrenze im Süden und Osten wurde nach dem Mauerbau 1961 zur Frontlinie des Kalten Krieges, denn jenseits davon begann die DDR. Der Wiederaufbau setzte ab 1949 mit neuen Wohnsiedlungen ein.19

Das größte Projekt dieser Zeit war die Gropiusstadt. Am 7. November 1962 legte der Regierende Bürgermeister Willy Brandt im Beisein des Bauhaus-Architekten Walter Gropius den Grundstein für die Großsiedlung im Süden des Bezirks. Bis 1975 entstanden auf den Fluren zwischen Britz, Buckow und Rudow rund 18.500 Wohnungen, erschlossen durch die verlängerte U-Bahn-Linie 7.20

Benannt wurde die Siedlung 1972 nach Gropius, der die Planung ab 1962 mit seinem Büro geleitet hatte und 1969 gestorben war. Aus der einstigen Vorzeigesiedlung wurde später ein sozialer Brennpunkt, ehe gezielte Quartiersarbeit das Image wieder hob. 2002 wurde die Gropiusstadt ein eigener Ortsteil Neuköllns.21

Nach 1990: Wandel und Gentrifizierung

Mit dem Mauerfall 1989 rückte Neukölln aus der Randlage West-Berlins zurück in die Mitte der Stadt. In den 1990er Jahren galt der Norden des Bezirks lange als Synonym für soziale Probleme, hohe Arbeitslosigkeit und Zuwanderung. Der Schillerkiez wurde bereits 1990 zum Schwerpunkt der Stadterneuerung und kurz darauf als Sanierungsgebiet ausgewiesen.22

Ab den 2000er Jahren kippte das Bild. Niedrige Mieten lockten Künstler, Studenten und junge Zugezogene aus aller Welt in den Reuterkiez und an die Weserstraße. Cafés, Galerien und Bars verdrängten Eckkneipen, die Mieten zogen rasant an. Spätestens seit der Öffnung des Tempelhofer Feldes 2010 ist Gentrifizierung im angrenzenden Schillerkiez ein Dauerthema, das auch die aktuellen Zahlen zur Verdrängung prägt.

Ausblick: Das Tempelhofer Feld und die nächsten Kapitel

Kaum ein Ort steht so sehr für das heutige Neukölln wie das Tempelhofer Feld. Am 25. Mai 2014 stimmten die Berliner in einem Volksentscheid mit 64,3 Prozent für den vollständigen Erhalt der Freifläche. Das daraufhin in Kraft getretene Gesetz untersagt Verkauf und Bebauung des Feldes und sichert es als Erholungs- und Kaltluftfläche.23

Doch der Streit ist nicht beendet. Angesichts der angespannten Wohnungslage diskutiert die Stadt erneut über eine Randbebauung. Ein Beteiligungsverfahren von Juli bis September 2024 ergab eine klare Mehrheit gegen Bebauung, die regierende Koalition plant gleichwohl weiter eine begrenzte Wohnbebauung an den Rändern.24

Zwischen der verschollenen Gründungsurkunde von 1360, den böhmischen Häuschen am Richardplatz, der UNESCO-Hufeisensiedlung und einem freigehaltenen Flugfeld bleibt Neukölln, was es immer war: ein Bezirk, der sich schneller verändert als die meisten und dabei seine widersprüchlichen Schichten nie ganz abstreift.

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Jens Rethfeld
Jens Rethfeld
Freier Journalist

Freiberuflicher Journalist, Neuköllner seit der Jahrtausendwende – also noch vor dem großen Hype. Schreibt mit Leidenschaft über seinen Bezirk, ohne die Gentrifizierungsdebatte zu scheuen.

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